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Vorwort
Bendorfs bewegte Vergangenheit über viele Jahrhunderte hinweg hat schon immer das Interesse von sehr vielen Autoren und Chronisten geweckt. Über Bendorfs Geschichte gibt es eine reiche Fülle an Dokumenten, Aufzeichnungen und Erzählungen, welche die Vergangenheit unserer Heimat aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln widerspiegeln. Es erscheint mir daher äußerst reizvoll, heimatkundliche Aufzeichnungen von Zeitzeugen der jüngeren Geschichte, mit Ihren Schilderungen des Alltagslebens, der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Erinnerungen an meine Kinderzeit in Mülhofen

Von Wilfried J. Heinz


Erste Schuljahre


1948 Beginn meiner Schulzeit

Erste Schuljahre.
1948 war im September die Einschulung der Erstklässler. Die Zeiten waren schlecht. Es gab fast nichts zu kaufen. Trotz Währungsreform am 20. Juni gab es beim Bäcker Scherer nur vier oder fünf Sorten Süßigkeiten: Rote Himbeeren, Brausepulver, Dauerlutscher und die zwei Sorten von vor der Währungsreform, braune und rote Bonbons aus dem großen Glas auf der Theke.

Jeder konnte seine Reichsmark in 40 Deutsche Mark umtauschen, aber das Angebot blieb noch recht bescheiden. Verschiedene Gebrauchsgüter waren, wie durch ein Wunder, aber plötzlich wieder zu haben - wenn man das Geld dazu hatte. Für das tägliche Überleben gab es immer noch die Lebensmittelmarken. Auf das Gramm genau wurden danach Butter, Mehl, Zucker, Fleisch, Fett und Öl verkauft und jeweils von der Karte die entsprechenden Kupons abgeschnitten. Mehr gab es nicht!

Für die Erstklässler gab es auch keine neuen Schulbücher, nur Tafeln aus schwarz lackiertem Blech auf denen man kaum schreiben konnte und die nach wenigen Wochen zu rosten anfingen. Einige Kinder hatten aber noch Schiefertafeln von ihren älteren Geschwistern.

Die Schiefertafeln machten immer so schöne, quietschende Geräusche beim Schreiben und man musste aufpassen, dass die dünnen Schiefergriffel nicht abbrachen.

Glück hatten auch die, die noch einen Schulranzen "geerbt" hatten. Viele besaßen aber nur eine Stofftasche, die ihre Mutter aus Resten genäht hatte. Ich war stolz auf meinen Schulranzen aus rotem Segeltuch mit Tragriemen aus einem alten Ledergürtel vom Großvater. Der Schuster Hellwig hatte den Ranzen genäht. (Als Bezahlung bekam er eine Dose Wurst aus der Schwarzschlachtung.)

Die Hefte waren aus holzhaltigem Papier und wenn man mit Feder und Tinte schreiben musste, hieß es höllisch aufpassen auf kleine Späne, die unweigerlich zu einem Klecks führten. Geschrieben wurde mit Federhalter und in jeder Bank war ein Tintenfass zum eintauchen. Kugelschreiber waren noch unbekannt! Im ersten Schuljahr wurde aber nur sehr wenig in Hefte geschrieben.

Die Lehrerin, Fräulein Moog, war neu in Mülhofen. Sie hatte dort ihre erste Stelle bekommen und war sehr fleißig und bei den Kindern sehr beliebt. Für jede Bank hatte sie eine Fibel von Hand gezeichnet und mit Buntstiften bemalt. Da es keine Klammern oder Kleber gab, hatte die Lehrerin die Blätter gelocht und mit Wolle zusammen gehäkelt. Während des Unterrichts wurden die Fibeln immer von zwei Kindern gemeinsam benutzt und die "Lehrbücher" blieben immer in der Schule.

In jedem Klassenzimmer stand ein großer Holzofen. Alle Familien, die ein Brikett oder ein Stück Holz zu Hause übrig hatten, waren gehalten dies den Kindern zum heizen des Schulraumes mit zu geben.

Ab Mai 1949 gab es jeden Tag Schulspeisung - außer Samstag obwohl wir auch dem Tag immer Unterricht hatten. -. Das Essen wurde in der Menage gekocht und war sehr beliebt, besonders wenn es freitags Kakao und süße Brötchen gab. Jeder ging also mit einem Kochgeschirr am Ranzen zur Schule. Kochgeschirre gab es in jeder Familie als Überbleibsel von der Wehrmacht. Das Essen wurde gerne genommen und es wurden auch keine Reste zurückgegeben. Die nahm man mit nach Hause, vielleicht hatte da ja auch noch jemand Hunger.

Ab dem Sommer 1949 kam an allen sonnigen Tagen Hilde mit dem Eiswägelchen: Das Gefährt bestand aus einem alten Damenfahrrad und einem zweirädrigen Anhänger mit einer Holzkiste. Darin stand ein Eisbehälter mit zwei Sorten Eis. Das Bällchen kostete 10 Pfennig. Wenn man Glück hatte, konnte man sich das, als Kind, leisten. Es gab auch halbe Bällchen für 5 Pfennige.

Im Sommer verbrachten wir Kinder fast ausschließlich am Saynbach oder am Rhein. Die Kleinen lernten das Schwimmen und die Großen schwammen schon über den Rhein und an die Schiffe, die plötzlich auch wieder fuhren und Kohle von Duisburg nach Frankfurt und sogar bis in die Schweiz nach Basel brachten.

Im Sommer liefen die meisten Kinder barfuß. Es gab nämlich noch keine guten Schuhe und die vom Schuster gemachten, waren sehr teuer. Weil mein Vater im Krieg gefallen war, bekam ich einmal ein Paar Schuhe vom Versorgungsamt. Die waren braun und glänzten. Man konnte nur schlecht damit laufen, weil das Material steif und störrisch war. Anziehen musste ich die Dinger nur am Sonntag in die Kirche. Aber nicht sehr oft. Nach dem ersten Regen fielen die tollen Schuhe einfach auseinander und meine Mutter hat mir auch geglaubt, dass ich nichts dafür konnte.

Also lief man ohne Schuhe, oder man hatte, die so genannten, Klippscher. Das waren zwei oder drei passend zugeschnittene Holzstücke, die mit einem Streifen Gummi, aus einem Autoreifen, oder Leder verbunden waren. Geschnürt wurde das Ganze dann mit irgendeiner Kordel, einem Lederriemen oder was sich sonst dazu eignete. Es gab auch elegantere Ausführungen mit einem Stoffstreifen aus Segeltuch vorne und hinten, die dann, so ähnlich, wie eine Sandale aussahen. Der Name Klippscher kam wohl von dem Geräusch, welches dieses Schuhwerk beim Gehen machte.

Da es kaum neue Spielsachen gab, spielte man halt mit dem was noch im Haus war. Glücklich war, wer viele ältere Geschwister oder Onkel und Tanten hatte, die selbst noch nicht verheiratet waren. Da gab es dann noch Spielzeug von vor dem Krieg. Sonst spielte man verstecken, nachlaufen, Völkerball, Klicker und Schangeln.

Schangeln wurde mit alten Münzen gespielt. Man warf die aus etwa 2 Meter Entfernung Richtung Wand oder Bordsteinkante, und wer am nächsten an der Wand oder der Kante lag, durfte alle Münzen übereinander stapeln, auf den Handrücken legen, hoch werfen und dann, die wieder mit derselben Hand aufgefangenen Münzen, behalten. Wenn man sich dumm anstellte, konnte es sein, dass man beim Auffangen keine einzige schnappte.

Beliebt war bei den Jungen auch Indianer und Cowboy, das wurde dann aber am Bach und auf der "Hall" gespielt, denn man musste sich ja verstecken können und zum Indianer spielen gehörte auch ein Zelt oder ein "Häuschen" aus Ästen, Schilf und Gras. Unverzichtbar waren ein Flitzebogen und ein Feuer.

Die "Hall", Mülhofener Plattdeutsch für Halde, war aufgeschüttete Schlacke neben dem damaligen Sportplatz und der Concordia - Hütte. Das Gelände war dicht mit Sträuchern und Buschwerk bewachsen.

Bei den Jungen war auch "Räfele" beliebt. Man benutzte dazu eine von allen Speichen befreite Fahrradfelge, die mit einem Holzstock angetrieben wurde. Damit konnte man weite Strecken laufen, meistens in Gesellschaft von zwei oder mehr Mitläufern.

Im Bach wurden dann auch mal Fische gefangen und am Stock gebraten. Man durfte sich dabei nur nicht erwischen lassen. Angeln durfte man eigentlich nur mit Erlaubnisschein und kein Kind hatte so etwas. Gleiches galt für das Fischen im Rhein.

Im Herbst wurden zuerst Bratäpfel am Stiel und dann Kartoffeln in der Glut gebraten. Alle Kinder wussten ganz genau aus welchem Garten das gerade reife Obst oder Gemüse zu holen war. Dabei galt auch: Vorsicht, wer erwischt wurde bekam handfesten Ärger, auch in Form von Ohrfeigen oder Hintern versohlen.
Das galt auch für den Garten vom Großvater!

Auch in der Schule gab es noch die Prügelstrafe: Mit dem Zeigestock auf die Finger oder bei größeren Verfehlungen 10 Schläge mit dem Stock auf den Hintern.

Aber jeder hat das gewusst, Streiche wurden trotzdem verübt und alle haben überlebt - es war halt so und kein Junge hätte eine Bestrafung durch Lehrer oder Nachbarn, den Eltern erzählt. "Wirst Du schon verdient haben", wäre die sehr wahrscheinliche Antwort gewesen.





Nikolausabend 1948

Letzte Woche hat Oma Plätzchen gebacken, Mama hat dabei geholfen, aber nicht so viel, weil der kleine Bruder Edgar gerade erst ein halbes Jahr alt ist und sie keine Zeit hat. Aber die Oma kann so wie so viel besser backen. Bald kommt der Nikolaus und dann müssen die Plätzchen fertig sein. Das Christkind kann ja nicht alles selber machen!

Die Zutaten Mehl, Butter, Gewürze und vor allem Zucker waren gar nicht so einfach zu beschaffen. Ein Onkel war extra nach Köln gefahren. Da gab es eine Tante, die Zucker aus der dortigen Raffinerie besorgen konnte. Mehl und Fett hatten wir selbst aus Opa's Landwirtschaft. Gebacken wurde Spritzgebäck, Ausgestochene, Makronen und die Zimtwaffeln. Das war richtig spannend. Die wurden nämlich auf Oma's Gasflamme in einer schweren langen Eisenzange gebacken. Da hieß es aufpassen.

Zuerst wurde der Teig am Vortag zu kleinen Kugeln gerollt. Dabei durften auch die Kinder helfen. Die Kugeln wurden dann mit einem Tuch abgedeckt und kamen in den Keller zum kühlen - Kühlschrank gab es noch keinen! Immer zwei Kugeln kamen dann in die Zange und die wurde in die Gasflamme gehalten, dann einmal gedreht und fertig gebacken. Man musste höllisch aufpassen, damit die dünnen Waffeln nicht verbrannten. Die fertigen Teile wurden dann flach ausgelegt zum auskühlen oder, noch heiß, in Gläser gesteckt, damit sie rund wurden. Das gab mehr Volumen und man brauchte nicht so viele um eine Tüte schön zu füllen.

Die Bäckerei ging über mehrere Tage. Die Plätzchen wurden ja in einem normalen Holzbackofen im Küchenherd gebacken und es ging immer nur ein Blech rein. Außerdem war die Familie ziemlich zahlreich und alle warteten schon sehnsüchtig auf Süßigkeiten.

Es ist Dienstag: Nikolausabend.
Am Montag hat der Pate Wilhelm, Mutters Bruder, ein Schwein geschlachtet. Der ist Metzger und macht auch bei verschiedenen Bauern der Gegend die so genannte Hausschlachtung. Unser Schwein hängt gut geschützt in der Scheune ganz oben unter dem Dach und man hat darauf geachtet, dass die Besatzungsmacht, die Franzosen aus der nahe gelegenen Kaserne, der Rheinau in Bendorf, davon nichts mitbekommen hatten. Denn jedes Schlachtvieh sollte denen gemeldet werden!

An Nikolausabend will keiner der Bauern den Metzger im Haus haben, also wird der Tag im eigenen Haus zum Wurst machen und verarbeiten genutzt. Es geht sehr geschäftig zu, bis die Sau zerlegt ist, die Fleischstücke gekocht, dann durch den großen Fleischwolf gedreht, gewürzt in Därme, Gläser oder Dosen gefüllt und schließlich noch einmal zur Haltbarmachung gekocht sind. Schinken, Speck und Bauchfleisch kommen ins Pökelfass zum späteren räuchern, Koteletts werden einige für den nächsten Sonntag zurückgelegt. Bratenstücke wie Filet, Rücken und Hals werden angebraten und dann in Gläsern eingekocht. Schmalzflomen wird zum trocknen und späteren Auslassen aufgehangen. Alle sind beschäftigt und jeder hatte seine Aufgaben zu erledigen. Die einen schwitzen in der heißen Waschküche mit dem großen Kessel, die anderen weinen in der Küche beim Zwiebeln schälen. Aber alle sind gut gelaunt und freuen sich auf das gemeinsame Schlachtessen mit Wurstsuppe, Wellfleisch, Sauerkraut und Brot. Im Gasthaus gegenüber wurde schon für die Männer ein Krug mit Bier geholt.

Langsam sollte nun aber auch der Nikolaus kommen - alle sitzen schon am großen Tisch, da hört man das Glöcklein: "Ich glaube da ist er! Jetzt sing mal das Nikolauslied!" sagt Mama. "Nikolaus komm in unser Haus - leer die große Tasche aus....." Der Nikolaus klopft an der Tür und kommt herein. Der Beizebub ist mit seiner Rute und einem großen Sack auch dabei. "Guten Abend, ihr Leute, ward ihr auch alle brav?" "Ja!" "Dann will ich doch mal in meinem Buch nachschauen ob das dann so stimmt. Aha - was lese ich denn da: Da gibt es einen der immer schlauchig ist und nicht richtig essen will? Ja willst Du denn nicht mehr wachsen und so groß werden wie dein Pate?" "Doch will ich!" "Ja dann versprich mir, dass das besser wird!" "Ja, Nikolaus." "Sonst bist du ja ein guter Junge und in der Schule bist du ja jetzt auch. Ich habe gehört du gehst da gerne hin und du hast ein neues Gedicht gelernt. Das konntest du ja schon als Kindergartenkind sehr gut. Wie geht denn das neue Gedicht?" "Von drauß\ vom Walde komm ich her, ich will Euch sagen es weihnachtet sehr. All überall auf den Tannenspitzen sah ich goldene Lichtlein blitzen. Und droben aus dem Himmelstor.......usw. usw......"

"Das hast Du ganz toll gemacht, so ein langes Gedicht, Belzebub gib mal den Sack mit den Geschenken her.!" Der Nikolaus zieht aus dem großen Sack einen kleineren, weißen Sack und reicht ihn weiter. "Danke Nikolaus!"

In der Ecke wird nun der Sack mit den Geschenken ausgeräumt. "Schmeiß nicht alles in der Gegend herum." Der Sack ist ziemlich groß und schwer. Oben drauf liegt ein selbst gestrickter Pullover von der anderen Oma, darunter ein paar Strümpfe, dann kommt die Tüte mit den Plätzchen und dann sind da noch einige dicke Äpfel - die brachten das Gewicht und dazwischen liegt eine dünne braune Tafel mit silberner Schrift: HERSHEYS - Schokolade aus Amerika - Tante Maria hat wieder ein Paket geschickt!

"Der Nikolaus und der Beizebub haben doch sicher Hunger", sagt die Oma. "setzt Euch dazu, ist genug da:" Nikolaus und sein Begleiter lassen sich das nicht zweimal sagen. Jeder bekam einen Teller mit Wurstsuppe. Das Auspacken ging weiter.

Was ist das denn für ein komischer schwerer roter Ball mit so rubbeliger Oberfläche?
"Der ist aber schwer! Ist das ein Tennisball?"
"Komm bring den mal her", sagt der Opa, "das ist kein Ball, das kann man essen, das nennt man Apfelsine und die vornehmen Leute nennen das Orange."
Das Orange hat er dann ganz komisch ausgesprochen, "ORANGSCHE" aber aus der Tasche hat er sein Messer gezogen, das war immer ganz scharf:
"Jetzt pass auf, wie man die schält und isst!"
Oben anfangend schneidet er nun ganz exakt Segmente sehr gleichmäßig rund um die Frucht ein. Dann macht er einen kleinen Schnitt oben rundum und schält die Apfelsine wie eine Blüte mit 7 Blättern. Alle müssen sich das genau ansehen und die Oma holt einen schönen kleinen Teller, zur Präsentation, damit das auch richtig zur Geltung kommt!! Wie lange haben alle schon keine Apfelsinen mehr gesehen oder gegessen? Die anderen Süßigkeiten sind nichts dagegen -
"Kuck mal, wie schön man die teilen kann", sagt Mama und reißt die Frucht in Einzelteile auseinander.
"Das ist meine ORANGSCHE! Ich geb' dir lieber einen Apfel!"
"Die darfst du ja mit dem Teller mit ans Bett nehmen. Iss die heute noch schön auf, morgen früh schmeckt die nicht mehr!"

Kein Problem, das schmeckte zwar eigentlich etwas sauer, war aber was ganz Neues. Apfelsinen wurden dann immer sehr sorgfältig geschält und da es nicht so oft Orangen gab, blieb dieser Brauch lange erhalten.





Weißer Sonntag 1951


Dieses Jahr ist Ostern schon sehr früh, am 25. März, und eine Woche später ist "Weißer Sonntag".
Pastor Scherer hat alle Kinder streng und gewissenhaft auf das Sakrament vorbereitet. Was musste da nicht alles gelernt werden, vor Allem, über "Sünden"!

Wie schnell und einfach das Sündigen geht: Einmal in der Kirche nicht aufgepasst, nicht gleich gemacht, was der Lehrer, die Mutter, der Opa oder wer auch immer gesagt hatten - zack, schon hatte man wieder gesündigt. Nicht gleich mit der Wahrheit rausgerückt, beim Nachbarn die frischen Erdbeeren, Äpfel, Birnen, Pflaumen, Pfirsiche, Möhren probiert, nur weil man ein bisschen Hunger hatte, und der Nachbar hatte ja genug davon, trotzdem: SÜNDE!

Und dann noch die Sache mit der Unkeuschheit: Was war das denn eigentlich? Es lief doch nie einer nackt in der Gegend rum. Und ausziehen musste man sich doch nun mal. Aber was soll man da beichten? Dafür gibt es den Beichtspiegel und da kann man sich dann ein paar schöne Sünden raussuchen. Das muss natürlich geübt werden, mit großer Strenge und Aufmerksamkeit.

In dem dunklen Beichtstuhl, mit dem Flüstern und dann dem Pfarrer zuhören, ist es ja richtig spannend.
Und danach: "Wie viel Buße hast Du?"
"Nur drei Gegrüßet seist Du, Maria!, und du?"
"Ich habe fünf!"

Am Weißen Sonntag haben die Jungen alle dunkelblaue oder schwarze Anzüge an und Studentenmützen aus Samt auf dem Kopf. Die Mädchen tragen weiße Kleider und ein Krönchen auf dem Kopf und jeder hat eine große Wachskerze. Weil es noch so früh im Jahr ist, hat Mutter eine lange und eine kurze Hose machen lassen, beim Schneider, einem Freund des Stiefvaters und deshalb preiswert - aber alles Maßanfertigung, jedoch so, dass es mindestens zwei Jahre passt.

Alle Kinder treffen sich in der Schule, werden noch mal eingewiesen und sollen dann in einer Prozession zur Kirche gehen. Der Schulsaal ist während der Osterferien neu gestrichen worden und der Fußboden wurde frisch mit Leinöl eingerieben. Zum Kommunionsanzug gehören natürlich auch Lackschuhe mit Ledersohlen und mit denen kann man auf Leinöl prima rutschen! Anlauf - und gleich an der ganzen Schulbankreihe entlang - prima - und noch Mal - es ist glatter als gedacht und bladautz mit der neuen langen Hose erstklassig durch das Leinöl. !!!
Ach du lieber Himmel.

"Wie siehst du denn aus, kannst du nicht aufpassen. So gehst du mir nicht in die Kirche!"
"Aber ich muss doch zur Ersten heiligen Kommunion!".
"Du rennst jetzt nach Hause und lässt dir die kurze Hose anziehen. Die Kerze und die Mütze bleiben hier. Gott sei Dank, ist wenigstens die Jacke noch sauber."
"Aber ich ziehe keine langen Mädchenstrümpfe an!"
Lange Strümpfe mit Gummibändern und Leibchen sind für richtige Jungs die Höchststrafe!
"Das hättest du dir früher überlegen sollen!"
Auf dem schnellstem Weg nach Hause.
"Was ist denn los? Hast du Dein Gebetbuch vergessen?" fragt die Oma.
"Ich bin nur hingefallen."
"Einfach so?" "Es war ja so glatt!."
"Wo, in der Schule?"
"Ja, aber ich bin ausgerutscht auf dem Leinöl."
Am Erstkommunionstag darf man ja nicht lügen.
"Na dann, aber mit Karacho! Darüber reden wir dann nach der Kirche. Zieh die Hose an und hau ab."
"Aber keine Mädchenstrümpfe!"
"Na dann musst du halt frieren, selber Schuld."

Wieder zurück zur Schule, die Prozession hat sich schon aufgestellt. Der Pastor und die Messdiener stehen bereit, der Kirchenchor singt und Lehrer Monz sortiert seine Jungs und Frl. Moog ihre Mädchen in Reih und Glied.

Alles noch mal gut gegangen und der Karriere als Messdiener steht nichts im Wege. Und fromm, wie man ist, oder zumindest zu sein glaubt, kann man ja immer noch Bischof, Papst oder Heiliger werden.





Sankt Martinsfeuer

Ende Oktober, wenn in den Gärten alles Obst geerntet, die Kartoffeln ausgegraben und der Kohl und die Bohnen in den Töpfen waren, gab es große Mengen Kartoffelkraut, Bohnenstroh und sonstige Reste für die man keine direkte Verwendung hatte.

Es nahte aber der Tag des Hl. Sankt Martin mit Umzug und großem Feuer am 11. November.

Die Kinder ab der 5 Klasse zogen mit Handwagen durch das Dorf und sangen:

"Dotz, Dotz, Dilljer Dotz, gemmer e bessje Strieh, Unn noch e bessje mieh. Wer nix get, da kimmt an die Kett, wer nix brängt, da ward erhängt am Märtesfeuer!"

Alles Stroh und sonstige brennbare Abfälle wurden eingesammelt und zum Feuerplatz gebracht. Eine Woche vor dem 11. November begann dann der Aufbau des Martinfeuers. Dabei waren dann Männer von der Feuerwehr und von der Kirmesgesellschaft behilflich, denn der Berg aus Abfall musste ja sicher und stabil aufgeschichtet werden. Zuerst wurde ein Untergestell aus dicken Holzbalken oder Ästen gezimmert, ungefähr 4 x 4m und etwa 1,2m hoch. In dieses Untergestell kamen besonders gut brennende Materialien wie trockenes Stroh, Laub und manchmal, in den fünfziger Jahren, auch ein paar alte Autoreifen. Mit der Umwelt, nahm man das noch nicht so genau.

Darüber wurde dann das restliche Material aufgeschichtet und zwar unter Beachtung der Brennbarkeit und Empfindlichkeit gegen Nässe und Regen. Es musste gewährleistet sein, dass das Feuer auch bei Regen brannte und nicht ausging. In guten Jahren konnte der fertige Stoß 5 -6 Meter hoch sein.

Die letzten 3 oder 4 Tage und Nächte vor dem Umzug wurden Wachen bestimmt, die aufpassten, dass das Feuer nicht schon einen oder zwei Tage vor St. Martin brannte. Es war eine beliebter Streich das Feuer im Nachbarort schon einen Tag früher als geplant zu entzünden. Das war natürlich eine Schande und man bekam kein herzeigbares Feuer mehr zustande. Denn die Größe des Martinfeuers war schon etwas, auf das die Kinder stolz waren. Einmal wurde das Feuer am Tag vor St. Martin von den Jungs aus dem Nachbarort Engers abgefackelt.

An ein herzeigbares Ersatzfeuer war nicht mehr zu denken, obwohl die Feuerwehr noch versucht hatte so viel wie möglich zu retten. Aber die hatten erst sehr spät in der Nacht den Brand gelegt als keine Wache mehr vor Ort war. Diese Schmach hatte zur Folge, dass ab dem nächsten Jahr das Feuer rund um die Uhr bewacht wurde. Das Untergestell wurde so verstärkt, dass man darunter sitzen oder liegen konnte ohne nass zu werden. Aber das musste natürlich auch gerächt werden. Das Feuer des Nachbarortes war aber direkt am Rhein und es war fast unmöglich ungesehen auch nur in Nähe zu kommen. Ungefähr 25m von dem Feuer entfernt verlief die Ortsgrenze zwischen Mülhofen und Engers und verlief entlang einer ca. 5m hohen Mauer. Hinter der Mauer war das Gelände aufgeschüttet und der Feuerplatz war etwa 4 m tiefer und die Mauer hatte an der Stelle keinen Aufgang.

Wie konnte man also dieses Feuer entzünden ohne gesehen oder erwischt zu werden? Es gab nur eine realistische Möglichkeit: Mit Pfeil und Bogen! Hatten nicht schon die Römer mit Brandpfeilen geschossen?

Das bedurfte natürlich einer exakten Planung. Bereits im November des Vorjahres wurden Rohlinge aus Eschenholz im Wald geholt. Das Holz wurde in die gewünschte Form geschnitten und geschnitzt und auf einem großen Brett vorgespannt und mittels starken Nägeln justiert. Diese Bogenrohlinge hatten nun Zeit über den Winter zu trocknen und fest zu werden. Im frühen Sommer wurde dann die weitere Bearbeitung vorgenommen und der Bogen bekam zum ersten Mal eine Sehne.

Die Pfeile wurden aus dünnen, geraden Haselnusstrieben hergestellt. Jetzt musste nur noch das Schießen gelernt werden. Viele Stunden wurde trainiert und probiert bis sichere Schüsse über 25 - 30m ,mit einiger Sicherheit, ins Ziel trafen.

Aber wie bekam man das Feuer an die Pfeile? Es gab eigentlich nur eine Möglichkeit: Mit Kerzenwachs! Den bekam man reichlich und kostenlos nach dem 2. November - Allerseelen. Da standen tausende von Kerzen auf dem Friedhof und alle hinterließen Reste aus Wachs, welches nicht verbrannt war. Also, alle Wachsreste einsammeln und in einem alten Eimer heißmachen. Schmale Streifen aus Sackleinen mit den flüssigen Wachs tränken und sorgfältig an den Pfeilspitzen befestigen und fest aufrollen. War ganz einfach. Jetzt musste man nur noch damit das Schießen üben.

Das war eigentlich nicht schwer, man hatte ja ohne Brandaufsatz intensiv geübt. Man musste halt beachten, dass die Pfeile wesentlich langsamer und auch nicht mehr so weit flogen. Das Wachs an der Pfeilspitze musste außerdem richtig gut brennen, sonst ging die Flamme während des Fluges aus.

Einen Tag vor dem 11. November war es dann soweit. Zwei Schützen mit je 5 Pfeilen schlichen sich an die Mauer. Natürlich hatten die Nachbarn auch Wachen aufgestellt. Da hieß es Geduld haben, warten bis die sich irgendwo hinsetzten oder müde wurden.

Der Abend wurde sehr lang und kalt war es auch. Endlich setzten sich die Wachen in den Holzstoß. Sie hatten sich dort einen Unterstand gebaut.

Jetzt musste alles schnell und lautlos funktionieren. Pfeile anzünden, hinter der Mauer brennen lassen und dann hintereinander alle zehn Pfeile losschicken.

Ssssssst die ersten zwei Pfeile waren in der Luft und die nächsten zwei bereits auf der Sehne, bevor die ersten ankamen.

Aber die Überfallenen hatten die Pfeile auch gesehen und suchten die Schützen. Besser hätten sie die Pfeile eingesammelt. Aber die waren so überrascht und wütend, dass man erst mal die Schützen fassen wollte. Die 10 Pfeile waren inzwischen alle im Ziel. Bis auf drei brannten auch alle noch und das Feuer fing an zu brennen. An sieben Stellen gleichzeitig und zwar oben, wo aufgeschichtetes Stroh und Laub sofort lichterloh brannten.

So wurde der Frevel des Vorjahres gerächt, alle Kinder im Dorf freuten sich, als man davon am nächsten Tag erzählte. Die zwei Rächer behielten ihr Geheimnis für sich und niemand erfuhr, wer die Mutigen waren.





St. Martin in Mülhofen

Nach dem Dotzen, so hieß das Einsammeln des Brennmaterials für das Martinsfeuer, war das Basteln einer Fackel für den großen Umzug eine wichtige und spannende Angelegenheit.

Nur die Kinder mit einer Fackel erhielten am Feuer einen "Määrdes-Ditz". Das war ein süßes Hefegebäck in Form eines Menschen mit Kopf, Armen und Beinen, genau wie die Nikoläuse, aber ohne Tonpfeife. Jeder wollte den haben, denn so oft gab es damals noch keine Süßigkeiten. Außerdem wurden die schönsten Fackeln prämiert.

Also hieß es basteln.
Die geschickten Mädchen, oder deren Väter und Mütter, schnitten aus Karton die tollsten Formen mit Gesichtern oder Fenstern. So entstanden Vollmonde und Halbmonde, Häuser und Kirchen, Türme, Tiere und sonstige Fantasiegebilde. Der Karton war meistens schwarz und die Ausschnitte waren mit buntem Seidenpapier hinterklebt damit die Kerze auch schön leuchten konnte. Natürlich gab es auch fertige Laternen zu kaufen, aber das war nur für die Kleinen, oder wenn keiner aus der Familie etwas basteln konnte oder wollte. Für die größeren Jungs, also so ab 12 Jahre, gab es aber nur eine Martinsfackel: Die "Rummel" auf einem Besenstiel!

Dazu wurde eine möglichst große, gleichmäßig gewachsene Runkelrübe gründlich gereinigt und zuerst enthauptet (der Blattansatz abgetrennt). Der Körper wurde dann sorgfältig ausgehöhlt so das nur noch eine dünne Schale stehen blieb. Dort wurde dann, mit mehr oder weniger Geschick, ein Gesicht hinein geschnitten, aber möglichst ohne die Schale zu durchtrennen. Nur die dünne Haut der Rübe wurde entfernt. Das Haupt wurde ebenfalls ausgehöhlt und bekam 2 oder drei Löcher als Abzug. Manchmal wurden daneben noch eingeschnittenes Seidenpapier, wie Haare, befestigt. Das Haupt erhielt dann ein paar Stifte, damit es wieder auf dem Korpus befestigt werden konnte und nicht herunter fiel. An der spitzen Seite der Rummel wurde ein Loch für den Besenstiel gebohrt. Das musste genau passen und durfte nicht zu weit sein, weil sonst Absturzgefahr bestand. In dieses Kunstwerk wurde dann eine Kerze gestellt und der Martinszug konnte losgehen.

Alle trafen sich auf dem Schulhof. Die Musikkapelle, meistens aus Stromberg, denn Mülhofen hatte keine eigene Musikkapelle, spielte die bekannten Martinslieder. Der Zug setzte sich in Bewegung. Sankt Martin war angezogen wie ein römischer Soldat, oder wie man sich einen römischen Soldaten vorstellte. Mit Messinghelm, Brustpanzer und Sandalen. Aber nicht mit einer Tunika, sondern mit langen Hosen, denn im November kann es ja schon recht kalt sein. Und natürlich trug er einen großen weißen Mantel. Im Zivilleben hieß er Peter Kirst und war Vorstand der Kirmesgesellschaft. Die war für den Martinszug verantwortlich und organisierte zusammen mit der Feuerwehr und den Lehrern die Veranstaltung.

Die Kindergartenkinder gingen direkt hinter dem Sankt Martin auf dem großen Pferd. Hinter den Kindergartenkindern kamen die Mütter und Väter mit den Kleinstkindern im Kinderwagen oder auf dem Arm. Dahinter kamen die Schulklassen mit Lehrerinnen und Lehrer und dann die Dorfjugend und alle, die mit zum Feuer wollten.

Alle sangen, so laut sie konnten:
Laterne, Laterne, Sonne Mond und Sterne.......
Oder:
"Ich geh mit meiner Laterne , und meine Laterne mit mir, dort oben leuchten die Sterne und unten leuchten wir....."
Aber der Hit war: "Sankt Martin, Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind Sein Ross, das trug ihn fort geschwind...." und so weiter, denn da hieß es in der zweiten Strophe: "Im Schnee saß, im Schnee da saß ein armer Mann, hat Kleider nicht, hat Lumpen an..."
Die frechen Jungs sangen aber: "Im Geleeglas, im Geleeglas saß ein armer Mann".
Die Jungs fanden das ganz toll. Aber wenn der Lehrer das hörte gab es gleich ein paar hinter die Ohren! Aber das war die Sache ja wert.

So zog man durch das Dorf in Richtung Sportplatz. Oberhalb, auf der Schlackenhalde der Concordiahütte, war das Feuer aufgebaut. Die Feuerwehr hatte dort das Kommando übernommen und etwa eine viertel Stunde bevor der Festzug ankam, das Feuer entzündet, damit das auch schön brannte, wenn der Zug ankam.

Am Feuer wurden dann noch mal ein paar Lieder gesungen und endlich die Määrdes-Ditze vom Sankt Martin persönlich verteilt.

Die schönsten Fackeln wurden prämiert.
Es gab immer Preise, die man essen konnte.
Zum Beispiel:
1. Preis: Ein Präsentkorb vom Metzger
2. Preis: Ein geflochtener Hefekranz vom Bäcker
3. Preis: Eine runde Fleischwurst vom anderen Metzger

Die mit viel Mühe gebastelte Rummel wurde auch meistens nicht mit nach Hause genommen, sondern mit Schwung in das brennende Feuer geschleudert. Manchmal wurde aber die Rummel auch als Schlagwaffe auf dem Kopf eines anderen Rummelträgers zerschlagen. Man konnte ja so schnell Krach bekommen!

Dann gab es auch noch den Brauch des "Schwarzmachens" Hauptsächlich war dies das Vergnügen der jungen Burschen, die damit die Mädchen ärgern wollten. Die Mädchen setzten sich dann immer ganz furchtbar zur Wehr, aber wenn keiner versucht hatte sie schwarz zu machen, war es der Betroffenen auch nicht recht. Manchmal wurde das dann auch übertrieben. Statt Ruß wurde Schuhwichse verwendet und das war dann schon eine ziemliche Sauerei.

Wenn dann das Feuer abgebrannt war, ging man nach Hause oder in die Kneipe, je nach Alter und Familienstand.

in diesem Backofen wurde der Döppekuchen vom Bäcker Scherer abgebacken

Zu Hause gab es dann in allen alteingesessenen Familien Kartoffelkuchen (Döppekuchen oder auch Dalles) mit Apfelkompott. Die "Martinsgans des armen Mannes" wurde das im Rheinland genannt. Auch in den Kneipen gab es Kartoffelkuchen.

Diese wurden von den Müttern oder Wirtinnen selbst gemacht, Das Kartoffeln reiben war reine Handarbeit und mit hohem Zeitaufwand verbunden; nur zum Backen, brachte man die schweren Bräter zum Bäcker. Der hatte dann den ganzen großen Ofen voll, jeder Bräter aus Gusseisen war mit einem Namenschild versehen und man musste sich für einen Platz im Ofen früh genug anmelden. In rheinischen Familien wurden diese runden Bratpfannen, die nur für Kartoffelkuchen verwendet wurden, weiter vererbt. Darin wurde nichts anderes gebraten, weil sonst der Kartoffelkuchen kleben blieb. Beschichtete Pfannen und Brattöpfe gab es noch nicht. Die meisten Bräter stammten natürlich aus der Sayner- oder der Concordiahütte.

Es konnte dann auch mal vorkommen, dass zwei aufgeweckte Jungs gesehen hatten, dass die Wirtin der Stammkneipe zwei Kartoffelkuchen-Bräter zum Bäcker gebracht hatte. Nach dem Umzug gingen die Buben dann auch zum Bäcker :
"Wir sollen die Kuchen vom Thresel (Therese) abholen." So hieß die Wirtin.
"Da hinten stehen die, passt auf, die sind heiß:"
"Alles Klar."
"Sag der Thresel, ich komme gleich auch."

Jetzt aber schnell weg mit den Kuchen in die andere Stammkneipe, wo sie natürlich mit großem Hallo begrüßt wurden. Schnell waren die Kuchen aufgeteilt und dann stand auch schon die Thresel in der Tür. "Ihr verdammten Drecksäcke!" - man war ja immer nett und freundlich zueinander, "ich habe die Bude voll und ihr fresst meinen Kuchen!"
"Setz Dich, wir haben reichlich, Du hast doch sicher Hunger." Sie setzte sich dazu und es wurde noch ein lustiger Abend.






Sommerfreuden in den 50er Jahren am Rhein


Als der Rhein noch sauber war, und Berufsfischer dort erfolgreich Aal, Hecht, Barsch und Lachs fingen, lernte die Jugend dort auch schwimmen. Am Rheinkilometer 600, durch eine große schwarze Zahl auf weißen Grund deutlich gekennzeichnet war eine solche Badestelle, genannt: "Kolleplatz".

Es gab einen kleinen Streifen mit Rheinsand, der von den Familien mit Kleinkindern genutzt wurde. Hier konnte man die Decke schön ausbreiten und das Gefälle zum Wasser war sehr kinderfreundlich. Das rückwärtige Gelände zum Land hin war stark ansteigend. Es handelte sich um ausgegossene Schlacke von dem nur wenige hundert Meter entfernten Hochofen der alten Krupp'chen Eisenhütte, die aber schon Jahrzehnte nicht mehr in Betrieb war. Auf dem ehemaligen Hüttengelände wurden jetzt in großem Stil Bimssteine hergestellt. Die Schlacke hatte eine kleine Bucht gebildet. Dadurch war in dem Bereich die sonst starke Strömung des Flusses kaum bemerkbar.

Die Schwimmer und vor allem die Jugendlichen lagerten auf der Schlacke, die stufenförmige Absätze gebildet hatte und durch ihre dunkle Färbung immer schön warm war. Außerdem gab es noch einen gemauerten Entwässerungstunnel der dort in den Rhein mündete und bei Hochwasser für einen schnelleren Abfluss sorgen sollte. Auf dem konnte man prima sitzen und hatte alles im Blick.

Dreihundert Meter stromaufwärts mündet von Osten der Saynbach in den Rhein, der eine große Schleife nach Westen macht. Durch die Strömung wird das Bachwasser zum Ufer hin gedrückt und es entsteht eine kreisförmige Strömung, die unter Land gegen die Fließrichtung des Rheins verläuft. Geschickte Schwimmer, die den Strömungsverlauf kannten, konnten gegen den Hauptstrom unter Land hinausschwimmen und an der passenden Stelle mit dem Strom wieder zurück kommen. Theo konnte das so perfekt, dass er sich auf dem Rücken liegend in der "Toter Mann" Stellung im Uhrzeigersinn scheinbar ohne etwas zu tun rund treiben ließ.

Für die Jugend, so ab 15 - 16 Jahre und die jungen Männer, war aber das Hauptvergnügen in die Strömung hinaus zu schwimmen. Natürlich wurde man abgetrieben und musste ein Schiff finden, zum entern, damit man wieder stromauf kam. Wenn kein Schiff kam, musste man halt laufen. Das war sehr ärgerlich!

Schiffe entern wollte geübt sein. Zuerst schwamm man nur an Lastkähne die damals noch von großen Raddampfern gezogen wurden. Die Raddampfer hießen: URI, SCHWYZ, UNTERWALDEN, HANIEL, ROTTERDAM oder DUISBURG und hatten manchmal bis zu sechs Kähne im Schlepptau. Die langen Seile gingen eng an den Schiffen vorbei und man musste sehr genau darauf achten, auf welcher Seite das war. Nur auf der Seilfreien Seite durfte der Kahn angeschwommen werden, denn sonst war das lebensgefährlich. Wer zwischen Seil und Schiffskörper kam, hatte kaum noch eine Chance.

Geschwommen wurde bis in die stärkste Strömung. Dort war das Wasser am tiefsten und dort fuhren auch die Schiffe. Bei der Bergfahrt entstanden auch bei langsam fahrenden Kähnen am Bug zwei oder drei Wellen und entsprechende Wellentäler. Um dicht an das Schiff zu gelangen und um hoch genug im Wasser zu liegen musste man möglichst in die zweite Welle hineinschwimmen und mit aller Kraft gegen den Strom schwimmen, so das man gegen den Schiffskörper gedrückt wurde. Dann hieß es mit beiden Händen fest zupacken und in einem Schwung über die Reling auf das Schiff.

Das Ganze wurde erschwert wenn die Reling tief lag und vom Wasser überspült wurde. Die war dann glatt wie Schmierseife. Oder wenn der Kahn nicht voll beladen war und die Kante sich einen halben Meter über dem Wasser befand. Dann musste der erste Versuch klappen, sonst ging man "klimpern" und es gab erhebliche Verletzungen an den Händen.

Natürlich gab es Kapitäne, die keinen Besuch an Bord wünschten. Die standen dann schon da mit dem Besen oder der Teerquaste in der Hand. Beliebt war auch der Hochdruck-Wasserschlauch. Ganz hinterlistige Skipper strichen die Kanten mit Teer. Das merkte man erst, wenn man dran hing und das war eine ziemliche Sauerei.

Mit dem Schiff fuhr man gemütlich stromauf. Es gab drei bevorzugte Ziele: Das Werth bei Vallendar, der Campingplatz am Deutschen Eck und die Kneipe "Zum Anker" auf der anderen Rheinseite in St. Sebastian. Eine Reise bis zum Deutschen Eck dauerte über eine Stunde und man musste aufpassen, damit man keinen Sonnenbrand bekam. Auf dem Campingplatz war immer viel Betrieb und es gab auch einen Getränkekiosk mit Cola oder Flaschenbier. Praktischer Weise hatte der Wirt sein Leergut direkt hinter der Bude aufgestellt. Man konnte leicht ein paar Flaschen einsammeln und vorne wieder eintauschen. So wurden die Getränke recht preiswert. Merkwürdiger Weise hat der Wirt das über Jahre nicht bemerkt.

Auf dem Platz waren natürlich auch immer Mädchen und manchmal traf man sich mit denen mehrfach über den ganzen Sommer. Das ging aber nur bei gutem Wetter und wenn man viel Zeit hatte, denn die Anreise dauerte ja schon mind. 1 ½ Stunden. Man musste auch bedenken dass die Heimreise recht lange dauern konnte und im Dunkeln sollte man im Rhein besser nicht schwimmen.

Vom Campingplatz bis zum Startplatz KM 600 sind es ca 10 km und da brauchte man schon 2 Stunden. Das war aber eigentlich zum Schwimmen zu lang und die Gefahr der Auskühlung war groß. Um gesundheitliche Schäden zu vermeiden, wurde ein Zwischenstopp auf der Insel, dem Werth, gemacht. Das hatte die Vorteile, dass man sich wieder aufwärmen konnte und außerdem war auf der Insel immer irgendein Obst reif. Das fing mit den Kirschen an, dann kamen Mirabellen, Pfirsiche, Pflaumen, Zwetschgen, Birnen und Äpfel. Möhren und Kohlrabi gab es natürlich auch.

Das einzige, aber immer wieder auftretende, Problem waren die Bauern. Ohne jegliches Verständnis oder gar Mitgefühl mit ausgehungerten und frierenden Schwimmern, jagten sie jeden erbarmungslos vom Feld. Dabei waren sie in der Wahl ihrer Mittel keineswegs zimperlich. Da wurde mit Stöcken geschlagen und mit Steinen geworfen. Die Verfolgung ging oft bis ans Wasser und der Fliehende musste tief und lange tauchen damit er nicht getroffen wurde. Auch unter Wasser taten die Treffer noch weh und konnten zu Platzwunden führen. Aber das gehörte zum Abenteuer dazu.

Auf dem Heimweg gab es dann noch eine Station: Im "Anker" zu St. Sebastian. Das war wieder auf der westlichen Rheinseite und das Lokal liegt direkt am Rhein. Die Wirtin mochte die Rheinschwimmer und im Garten unter den Kastanien durfte man, auch nur mit Badehose bekleidet, Platz nehmen. Der Gastraum war tabu! Es gab natürlich alle Getränke und die Spezialität des Hauses war Käsebrot. Das war eine ordentliche Portion, die richtig satt machte. Natürlich konnte man dort auch Karten spielen und die vorbeilaufenden Mädel ärgern.

Nach Hause ging es dann recht einfach und schnell, einmal über den Rhein. Wenn man die Strömung richtig einschätzte und sich von ihr tragen ließ, war das in einer guten halben Stunde zu schaffen. Wollte man aber eine komplette Tour: Deutsches Eck - Werth - St. Sebastian machen, dann musste man spätestens mittags starten.

Unter der Woche, wenn nicht so viel Zeit war und reger Schiffsbetrieb, gab es noch das Spiel "Schiffe sammeln". Da ging es darum möglichst viele Schiffe zu entern. Man suchte sich also einen Schleppverband aus und schwamm direkt an den ersten Kahn. Kurz ausruhen, runter und an den nächsten und so fort. Manchmal kam auch ein Selbstfahrer, also ein Schiff mit eigenem Antrieb, und man konnte auf den wechseln. Das war aber sehr viel schwieriger, da diese Schiffe viel schneller als die Schleppkähne fuhren. Da musste das Anschwimmen in der zweiten Welle perfekt passen. Aber mit dem schnellen Schiff überholte man den Schleppverband und konnte wieder alle Kähne anschwimmen. Abends wurde dann gezählt. "Wievill hatts de?" - "Fuffzehn" - "Angewer!"

Egal, ein erlebnisreicher Nachmittag war glücklich vorbei und alle gingen friedlich nach Hause.





Rheinpiraten


Schwimmen im Rhein war für den guten und erfahrenen Schwimmer ein unvergleichliches Erlebnis und ein Quell der Freude. Man fühlte sich im Wasser sauwohl und immer neue Abenteuer wurden erdacht. Natürlich gab es gute und sehr gute Schwimmer, mutige und leichtsinnige, die Ängstlichen waren nicht im Rhein, die gingen ins Schwimmbad.

Zu der Zeit gab es im Kino viele Piratenfilme und auf der Zigarettenschachtel von "Gold Dollar" war ein Segelschiff abgebildet und da hing am Bugspriet ein großer Anker und auf der Querstange des Ankers stand ein Matrose.

"Das mache ich auch!" Die großen Raddampfer der Weißen Flotte hatten auch einen Bugspriet mit einem Anker zur Dekoration. Aber die hatten auch einen gewaltigen Radkasten, der einen kräftigen Sog erzeugte und die Querstange des Ankers war mehr als einen halben Meter über dem Wasser.

Egal, Juppi, so hieß der Mutige, hatte sich das nun mal in den Kopf gesetzt. Wenn schon so ein Abenteuer, dann natürlich mit möglichst vielen Zuschauern. Und deshalb musste die Aktion in Höhe der Engerser Rheinpromenade am Sonntag Nachmittag stattfinden.

Zur Sicherheit schwammen noch ein paar Mutige mit. Man blieb dicht zusammen und als der Dampfer kam, kraulte Juppi vor das Schiff, der Kapitän zog die Sirene, die Ausfluggäste auf dem Salondampfer rannten nach Vorne und schrieen und zack, mit einem Zug, war Juppi an dem Anker und hatte sich hochgezogen. Die Schiffsbesatzung kam angerannt und schimpfte. Er aber nahm die Position des Gold Dollar Matrosen an und das Schiff fuhr die Rheinpromenade entlang: Ein einziger Triumphzug.

Zwei der Mitschwimmer ließen sich am Dampfer vorbeitreiben bis auf Höhe des Schaufelrades und waren dann dicht an das Schiff heran geschwommen und hatten sich am hinteren, großen Steuerblatt festgehalten und dann daraufgesetzt. Die Gäste auf dem Schiff fanden das ganz toll und boten den Jungs was zum trinken an. Das sah dann der Kellner und das Geschrei ging los.
"Macht euch von dem Ruder!"
"Komm, wirf uns doch runter."

Das Schiff fuhr immer noch an der Rheinpromenade entlang und zwischenzeitlich hatten die Spaziergänger auch erkannt, dass es die Jungs aus Mülhofen waren, die dort ihre Show abzogen. Der Kapitän drohte dann noch mit der Wasserpolizei, aber bis die dann kamen, war das Schiff soweit rheinauf gefahren, das man wieder leicht nach Hause schwimmen konnte.

An einem anderen Sonntag fuhr der ca. 40jährige "Jonny" aus Mülhofen mit dem Bus nach Neuwied und löste eine Karte nach Koblenz für das Passagierschiff der "Köln-Düsseldorfer".. Jonny war Eisenbahner. Er arbeitete in Engers im Reparaturschuppen bei der Bundesbahn. Sommerlich gekleidet, mit kurzer Hose, Hemd und Sandalen, setzte er sich auf das Achterdeck und bestellte sich eine Flasche Wein und etwas zum Essen. Zügig trank er die Flasche leer und verzehrte sein Mahl.

Zwischenzeitlich war das Schiff rheinauf bis nach Engers gefahren, wo noch ein paar Engerser Ausflügler zustiegen. Viele Leute gingen, wie Sonntags immer, in den Rheinanlagen spazieren. Man winkte den Passagieren zu und die winkten zurück. Jonny winkte dem Kellner:

"Mir ist so komisch:"
"War der Wein nicht in Ordnung? Kann ich Ihnen helfen, war was mit dem Essen?"
"Nein, ich weiß nicht was mit mir los ist. Ich könnte mir das Leben nehmen!"
"So schlimm wird es doch nicht sein. Bleiben Sie mal ruhig hier sitzen und schauen sich die schöne Gegend an".
Der Kellner war kein Rheinländer.

Das Schiff fuhr inzwischen in Höhe der Saynbach Mündung. Jonny stand auf: "Ich hann einfach kän Lust mie", sagte er und sprang mit einem eleganten Sprung über Bord. Der Kellner war ratlos, der Kapitän zog die Sirene, stoppte das Schiff ab und der Kellner warf dem Jonny einen Rettungsring hinterher. Jonny schwamm gemütlich zu dem Rettungsring, hing sich hinein und ließ sich zum Ufer treiben, aber nicht ohne freundlich zu winken und " Danke, für den Wein!" zu rufen.

Am Ufer wurde er schon erwartet, denn natürlich hatte man erkannt, wer da zur Belustigung der Fahrgäste und Spaziergänger beigetragen hatte.

Da der Held klatschnass war, musste man natürlich die nächste Kneipe, den "VATIKAN" in der Rheinstraße, die eigentlich Hüttenstraße hieß, aufsuchen, zum Aufwärmen und vor Allem zum Berichten von der Heldentat. Es wurde noch ein langer Abend und man lachte noch lange darüber.

Der "VATIKAN" hieß eigentlich "Gasthaus Böhmer", aber der Wirt hieß Pabst, mit "b" also ging man in den VATIKAN, wenn man zu dem Pabst wollte.





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