Erinnerung an Dr. Charlotte Klein

von Dieter Kittlauß


Gleich an Schönheit und Würde - Charlotte's Traum von der Zukunft der beiden Religionsgemeinschaften


Wie viele Menschen ihrer Art hatte auch Charlotte Klein einen "Traum" - eine Vision von der Zukunft der beiden Religionsgemeinschaften, denen sie sich mit ihrer Existenz und ihrem Lebenswerk verbunden fühlte. Für diese Vision suchte sie nach einem Bild - einem Gegenbild zur mittelalterlichen Ecclesia militans, welche, geschmückt mit Krone und Fahne, auf die mit verbundenen Augen vor ihr stehende Synagoga herabblickt. In der christlichen Theologie zeichnen sich heute schon klar andere Vorstellungen ab, für die aber in der Kunst eine Symbolsprache noch weithin fehlt.

 

Charlotte Klein versucht, in einer ihrer Schriften einen wesentlichen Zug dieser neuen Sicht mit einem Beispiel aus der bildenden Kunst zu verdeutlichen. Die Anregung dazu mag ihr in Rom gekommen sein. Vielleicht leuchteten ihr in der strengen Klarheit der altehrwürdigen, frühchristlichen Kirche Santa Sabina auf dem Aventin die ersten Umrisse einer zukünftigen Darstellungsmöglichkeit auf.

Sie spricht von dem bekannten Mosaik an der inneren Wand der Eingangsseite. Dieses zeigt zwei große Frauengestalten. Beide erscheinen gleich eindrucksvoll in ihrer Schönheit und achtunggebietenden Haltung. Zwar weist die Schrift am un-teren Bildrand die eine als "ecclesia ex circumsione", die andere als "ecclesia ex gentium" aus, also als Allegorien der zwei urchristlichen Gruppen aus Juden und Heiden. Doch ist hinter diesen noch eine weiter zurückreichende, sich auf die Herkunft beider beziehende Vorstellung spürbar, wie das Alter der Frauen, ihre Attribute, aber auch ihre Erscheinungsweise auf anderen Bildwerken der Zeit nahelegen. Die jüngere Gestalt, die in ihrer Hand die Heilige Schrift der Sinaioffenbarung trägt, weist danach auf das ganze jüdische Volk hin, dessen Berufung in geschichtlicher Zeit erfolgte, im Gegensatz zur älteren, die auf die Herkunft aus der Völkerwelt hindeutet.

Die eigene Würde des Judentums - ausgezeichnet mit göttlicher Erwählung und beauftragt, den Menschen die Offenbarung des Einen Gottes zu vermitteln - ist in dieser frühen Bildsprache noch sehr deutlich.

So sah Charlotte Klein, anknüpfend an diese den Anfängen der Christenheit nahen Vorstellungen, nun die beiden Religionen - Judentum und Christentum - symbolisiert durch zwei an Schönheit und Würde gleiche Frauen - Synagoga und Ecclesia - auf ihren zukünftigen Wegen vor sich: Jede erkennt und anerkennt den Wert und die Bedeutung der anderen; beide empfinden Achtung füreinander, doch respektieren sie ihre Verschiedenheit und die jeweils eigene Berufung. Nur so wird auch ein Gespräch zwischen ihnen möglich und ein gemeinsames Wirken zum Wohl unserer heutigen Welt mit ihren vielfältigen, immer bedrängender werdenden Aufgaben. Daß bis dahin noch ein weiter, steiler und steiniger Weg zurückzulegen ist, wußte niemand besser als Charlotte Klein selbst.

Heimgard Roos, Lehrerin a.D.,
Mitglied des Kuratoriums für das Museum Viernheim, Frankfurt




Links ECCLESIA EX CIRCUMCISIONE
(Kirche aus der Beschneidung)
Rechts: ECCLESIA EX GENTIBUS
(Kirche aus den Völkern)